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In der neuen forensischen Klinik in Dortmund hat sich der Alltag schnell eingespielt
„Ich habe hier die Chance, mich zu verändern“
Wenn Sigrid Fiene über ihre Arbeit in der Wilfried-Rasch-Klinik spricht, merkt man sofort, dass sie mit großem Engagement bei der Sache ist. Von Unbehagen und Langeweile ist nichts zu spüren. „Ich fühle mich hier wohl und bin davon überzeugt, dass ich etwas sehr Sinnvolles tue“, sagt die 47-Jährige. Fast wortgleich klingt es, wenn Ralf S. (Name von der Redaktion geändert) über seinen Erfahrungen in der Klinik spricht. Allerdings befindet sich der 23-Jährige in einer vollkommen anderen Rolle. Während Sigrid Fiene zum Mitarbeiterstab der neuen forensischen Klinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Dortmund gehört, ist Ralf S. Patient.
Seit Januar 2006 ist die Klinik in Dortmund in Betrieb. Sie ist als erste von insgesamt sechs geplanten forensischen Kliniken in Nordrhein-Westfalen fertig geworden. Die „Wilfried-Rasch-Klinik, Westfälische Klinik für Forensische Psychiatrie Dortmund“ – so die vollständige Bezeichnung - wurde nach dem großen Vorkämpfer für die Modernisierung und Dezentralisierung im nordrhein-westfälischen Maßregelvollzug benannt und bietet 54 gesicherte Behandlungsplätze für psychisch kranke Rechtsbrecher.
Medikamentenausgabe ist eine der Aufgaben von Sigrid Fiene
Die Wilfried-Rasch-Klinik ist speziell ausgerichtet auf die Therapie und Sicherung von männlichen Patienten mit Psychosen und Persönlichkeitsstörungen. Das unterscheidet sie von der geplanten Klinik in Duisburg-Hohenbudberg, denn dort wird der Patientenkreis ja aus straffällig gewordenen Suchtkranken bestehen. Während es in Duisburg um Maßregelvollzug gemäß Paragraf 64 Strafgesetzbuch geht, bildet in Dortmund Paragraf 63 die Basis. Trotz dieses grundlegenden Unterschieds verfolgen beide Kliniken das gleiche Ziel: eine Therapie unter gesicherten Bedingungen, die den Patienten zu einem straffreien, möglichst eigenständigen Leben innerhalb unserer Gesellschaft befähigen soll.
„Die Mauer sehe ich schon gar nicht mehr“
„Therapie und Sicherheit sind im Alltag der Wilfried-Rasch-Klinik eng miteinander verknüpft und ständig präsent“, sagt Sigrid Fiene, die zur Gruppe der Krankenschwestern und -pfleger innerhalb des Klinikpersonals gehört. Zuvor war sie 26 Jahre lang in der Allgemeinpsychiatrie beschäftigt. „Hier in der Forensischen Klinik gibt es eine Fülle von Sicherheitsvorkehrungen, die bei allen Beteiligten sehr schnell in Fleisch und Blut übergehen. Das wirkt aber nicht bedrückend. Die Mauer zum Beispiel sehe ich schon gar nicht mehr.“
Auch Ralf S., der Anfang des Jahres von Lippstadt-Eickelborn nach Dortmund verlegt wurde, hat sich an den Anblick des fünfeinhalb Meter hohen, elektronisch und videotechnisch überwachten Hindernisses aus Beton gewöhnt. Als angenehm empfindet er, dass man in der Klinik weitgehend auf vergitterte Fenster verzichtet hat. Stattdessen wurde Sicherheitsglas verwendet. „Ich kann nach draußen gucken, ohne sofort das Gefühl zu haben, eingesperrt zu sein.“
Die verschiedenen Sicherheitsvorkehrungen tragen wirkungsvoll dazu bei, dass die Patienten den Klinikbereich nicht verlassen können. Dafür sorgen nicht nur die Mauer und die Fenster aus Spezialglas. Darüber hinaus ist die gesamte Anlage von einem freien, überwachten Sichtstreifen umgeben, der wiederum von einem Außenzaun begrenzt ist. Dieser Sichtstreifen soll vor allem verhindern, dass sich jemand unbemerkt von außen der Mauer nähern kann.
Ebenso wie die Mauer sind auch die Gebäudefassaden erkletterungssicher. Es existieren keine Vorsprünge, Fensterbänke und Regenrinnen, die als Kletterhilfe genutzt werden könnten. Lang gezogene Dachüberstände verhindern ein Überklettern von der Fassade aus. Die zentrale Pforte ist der einzige Zugang zur Anlage. Alle Personen, die die Klinik betreten oder verlassen, müssen diese Kontrollstelle passieren. Hier befindet sich auch die gesicherte Zufahrt für Lieferfahrzeuge und Feuerwehr- oder Rettungsfahrzeuge. Die Pforte ist rund um die Uhr besetzt und funktioniert wie eine aus zwei Türen bestehende Sicherheitsschleuse.
Die innere Sicherheit dient dem Schutz der Bevölkerung
Zur „äußeren Sicherheit“ kommt die „innere Sicherheit“, denn Sicherheitsbelange haben auch im persönlichen Umgang eine große Bedeutung. Das fängt bei der simplen Anwesenheitskontrolle an und reicht bis zur gezielten Beobachtung des Patientenverhaltens. Auch der Aufbau einer professionellen Beziehung zum Patienten ist Teil dieser inneren Sicherheit, die letztlich ebenfalls zum nachhaltigen Schutz der Bevölkerung beiträgt.
Für Sigrid Fiene sind der Aufbau und die Aufrechterhaltung dieser professionellen Beziehung ein Kernbestandteil ihrer Arbeit. „Wir müssen eine Balance zwischen Nähe und Distanz wahren. Einerseits wollen wir natürlich wissen, mit wem wir es zu tun haben, andererseits darf es nicht zu persönlich werden.“
Sigrid Fiene begleitet Ralf S. auf dem Weg zur Holzwerkstatt
Sigrid Fiene und ihre Kolleginnen und Kollegen werden bei dieser schwierigen Gratwanderung und den vielen anderen Problemen und Fragen, die sich in der tagtäglichen Praxis immer wieder ergeben, nicht alleine gelassen. Der intensive Austausch untereinander ist ebenso fester Bestandteil der Arbeit wie Schulungen durch einen externen Supervisor. Die Therapie von forensischen Patienten setzt dort an, wo die Ursachen für die strafbaren Handlungen liegen: bei der zugrunde liegenden Erkrankung und möglicherweise vorhandenen Folgeerscheinungen. „Es geht darum, zu verstehen, warum ich das getan habe, und wie ich das in Zukunft verhindern kann“, beschreibt Ralf S., der wegen eines Sexualdelikts in den Maßregelvollzug kam, das Ziel seiner Behandlung in der Wilfried-Rasch-Klinik.
Lockerungen im Maßregelvollzug sind kein Selbstläufer
Er selbst sieht sich nach insgesamt dreieinhalb Jahren Forensik „auf einem guten Weg“. Fortschritte seien da, glaubt er. Neben den Einzelgesprächen und den gruppentherapeutischen Maßnahmen gefallen ihm besonders die Arbeit in der Holzwerkstatt und der Sport. „Das lenkt ab, da bekomme ich den Kopf frei“, erklärt er.
Irgendwann, so hofft Ralf S., werde er vielleicht wieder ein Leben in Freiheit führen können. Der erste Schritt dahin wäre ein begleiteter Einzelausgang (1:1-Ausgang). Lockerungen des Freiheitsentzugs sind ein wesentlicher Bestandteil der Therapie im Maßregelvollzug. Sie erfolgen allerdings weder automatisch noch sind abhängig von Unterbringungszeiten oder Wohlverhalten, sondern sie hängen einzig und allein vom nachgewiesenen Therapieerfolg und dem Ergebnis der Gefährdungsprognose ab.
Wenn Therapiefortschritte ausbleiben, wird ein Patient möglicherweise jahrelang auf einer Stufe bleiben oder gar keine Lockerungen bekommen. „Ich habe hier die Chance, mich zu verändern.“ Ralf S. ist davon überzeugt, dass sich die Forensik-Pforte in Dortmund irgendwann für ihn öffnen wird. An dieser Veränderung will auch Sigrid Fiene mit ganzer Kraft mitwirken. „Wir tun hier alles, um die Therapie zu einem Erfolg zu bringen“, sagt sie und freut sich auf die kommenden Jahre in ihrem inzwischen nicht mehr ganz so neuen Arbeitsumfeld.
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