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Interview mit Dr. Bernhard Wittmann, ärztlicher Direktor des Westfälischen Therapiezentrums Marsberg „Bilstein“ und Berater für die forensische Klinik in Duisburg-Hohenbudberg.
? Im April dieses Jahres hat der Deutsche Bundestag mit breiter Mehrheit ein Gesetz verabschiedet, das die Unterbringung von suchtkranken Straftätern in der Psychiatrie und Erziehungsanstalt neu regelt. Ist das besser oder schlechter für den Schutz der Bevölkerung?
! Grundsätzlich wird die Gesetzesänderung dazu führen, dass weniger Patienten in den Entziehungsanstalten untergebracht werden. Das hat zur Folge, dass es in den Einrichtungen keine Überbelegungen mehr gibt. Dadurch werden auch die Therapiemöglichkeiten besser. Wenn Straftäter ein behandlungsbedürftiges Problem haben, müssen sie therapiert werden. Das ist besser für die Patienten und besser für die Bevölkerung, weil die Gefahr von Rückfällen nachweislich gemindert werden kann.
? Was genau hat sich denn verändert durch die Maßregelreform?
! Bisher galt: Maßregel vor Strafe. Also die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt hatte Vorrang vor der Freiheitsstrafe. Das gilt jetzt nicht mehr. Mit dem neuen Gesetz können die Gerichte den Vollzug von Strafe und Maßregel besser aufeinander abstimmen. Ob jemand in eine forensische Klinik eingewiesen wird oder nicht, hängt jetzt wesentlich stärker von den Erfolgsaussichten der Therapie ab. Durch die Gesetzesänderung soll künftig vermieden werden, dass suchtkranke Straftäter ohne Entlassungsaussicht unnötig lange in der Forensik bleiben. Ich will ein Beispiel nennen: Ausländische Straftäter mit einer Suchtproblematik, die von Abschiebung bedroht sind. Viele von ihnen leben schon so lange in Deutschland, dass sie ihr Heimland beziehungsweise die Muttersprache nicht gut kennen. Sie haben ganz andere Probleme, als sich auf eine Therapie einzulassen. Das Risiko, dass sie versuchen, aus dem Maßregelvollzug zu entweichen, ist dadurch höher als bei motivierten Patienten. Deshalb ist es besser, sie im Gefängnis zu belassen, bis die Abschiebefrage geklärt ist.
? In die forensische Klinik in Duisburg-Hohenbudberg werden männliche Straftäter mit einer Suchtproblematik eingewiesen. Welche Straftaten haben sie begangen?
! Alle Patienten, die in die Forensik in Duisburg-Hohenbudberg eingewiesen werden, sind abhängig von illegalen Drogen. Aufgrund der Suchterkrankungen haben sie erhebliche Straftaten begangen. Es handelt sich dabei überwiegend um Beschaffungskriminalität. Dazu zählen alle Delikte die dazu dienen, illegale Drogen oder die Geldmittel dazu zu beschaffen. Das ist beispielsweise der Handel mit illegalen Drogen, also das sogenannte Dealen, aber auch Diebstahl, Raub, räuberische Erpressung und nicht zuletzt Körperverletzung. Die Maßregel wird nach Paragraf 64 durch ein Strafgericht angeordnet. Die zur Einweisung führende Straftat muss immer im Zusammenhang mit der Sucht begangen worden sein.
? Das Therapiekonzept für die forensische Klinik in Hohenbudberg steht fest. Die Patienten kommen vorne im Pfortengebäude rein und gehen hinten nach ein paar Jahren wieder raus. Was passiert dazwischen?
! Ich möchte gerne noch ein paar Worte zur Aufnahme sagen, bevor ich auf die eigentliche Therapie eingehe, denn das ist ein ganz wichtiger Punkt in der forensischen Klinik. Am Anfang steht nämlich die genaue diagnostische Einschätzung. Die Frage ist: was ist das eigentliche Problem des Patienten? Bei jedem liegt eine Suchtproblematik vor, das ist klar. Aber die klinische Erfahrung zeigt, dass daneben häufig noch andere Probleme, meist Persönlichkeitsstörungen vorliegen. Sucht und Persönlichkeitsstörung haben gemeinsame Ursachen. Wenn die Störung und deren Ursachen exakt festgestellt wurden, dann wird ein individueller Therapieplan erstellt, der diese Störung aufgreifen soll. Eine ganz große Rolle spielt dabei das Erlernen neuer Verhaltensweisen. Anstelle der Suchtmittel werden andere Möglichkeiten angeboten, die möglichst realitäts- und lebensnah sind. Gerade Arbeit ist ganz wichtig. Dafür gibt es in der forensischen Klinik verschiedene Werkstätten. Neben industriellen Auftragsarbeiten wird vor allem der Umgang mit den Werkstoffen Holz und Metall eingeübt. Darüber hinaus werden die Patienten angehalten soziale Pflichten zu übernehmen. Dazu gehört unter anderem das Kochen für die Patientengruppe und das Reinigen aller Therapieräume. Weiterhin wird soziale Rücksichtnahme und Verantwortungsübernahme trainiert. Die gesamte Behandlungsdauer liegt so zwischen zwei und drei Jahren.
? Eine Klinik mit so einem hohen Qualitätsanspruch ist nicht billig zu haben. Das Land Nordrhein-Westfalen muss sparen. Ist denn überhaupt gewährleistet, dass ausreichend Personal vorhanden ist?
! Es wird so viel Personal da sein, um den Herausforderungen gerecht zu werden und die Aufgabe erfolgreich zu meistern. Das ist mit dem Land Nordrhein-Westfalen so verabredet.
? Trotz neuer Gesetzeslage wird es weiterhin Patienten geben, die keine Lust auf Therapie haben und versuchen sich zu entziehen. Was passiert mit ihnen?
! Verweigerer, die sich nachhaltig der Therapie widersetzen, werden in die Justizanstalt rückgeführt. Denn es ist nicht zu verantworten, dass sie teuere Therapieplätze blockieren. Selten kommt das übrigens nicht vor. Bundesweit liegt die Quote bei nahezu 50 Prozent. Durch die Gesetzesänderung ist jedoch zu erwarten, dass die Anzahl verringert wird. Denn Verweigerer werden schon im Vorfeld als solche erkannt und kommen gar nicht erst in den Maßregelvollzug. In der Therapie wird dann Motivationsförderung groß geschrieben. Dadurch kann die Abbruchrate auf 25 Prozent reduziert werden. Dieser Einsatz lohnt sich, weil ein therapierter Straftäter weniger gefährlich ist.
? Die wenigsten Bürger in Nordrhein-Westfalen – und das ist gut so - werden eine forensische Klinik von innen kennenlernen. Wie ist die Stimmung im Maßregelvollzug?
! Die Stimmung ist nicht stabil. Denn sie hängt immer von den Patienten ab und ihren Problemen. Die Forensik ist ein Mikrokosmos mit Verbindungen nach draußen. Von dort wird viel an sie herangetragen. Es geht dabei beispielsweise um Probleme in der Partnerschaft, um Schulden oder neue Strafverfahren, die anhängig sind. Das alles spielt sich in die Gruppe im Maßregelvollzug ein.
? Darüber hinaus werden sich die Patienten nicht gerade durch Fürsorglichkeit und Rücksichtnahme auszeichnen.
! Wir haben es vornehmlich mit Männern zu tun, die unter einer Persönlichkeitsstörung leiden, hervorgerufen durch Inkonstanz in den frühen Lebensjahren. Deshalb ist es in der forensischen Klinik ganz wichtig für berechenbare und verlässliche Verhältnisse zu sorgen. Das tut den Menschen gut. Viele lernen den Umstand sogar zu schätzen. So spüren sie erstmalig, was menschliche Anteilnahme ist und können dieses Gefühl endlich auch für die Opfer aufbringen.
? Täter und Opfer – das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es wurden Menschen beraubt, zusammengeschlagen oder betrogen und zwar von denen, die in der Forensik therapiert werden. Wie stehen die Täter zu den Opfern?
! Die Einstellung der Täter zu den Delikten, die zur Unterbringung in der Forensik geführt haben, ist ein ganz wichtiger Inhalt der Maßregel. Jeder Täter muss die Perspektive des Opfers einnehmen. Das ausgiebige Befassen mit den Delikten ist Gradmesser für die Therapie und Vorraussetzung für Lockerungen im Maßregelvollzug.
? Die Menschen in der Eisenbahnsiedlung in Duisburg-Hohenbudberg wollen die forensische Klinik nicht. Sie wehren sich weiterhin gegen den Bau.
! Ich habe Verständnis, wenn Menschen Befürchtungen haben. Denn in der Klinik werden Menschen behandelt, die ihre Gefährlichkeit gezeigt haben. Doch – und das sollten wir nicht vergessen – sie kommen mitten aus unserer Gesellschaft. Sie sind hier gewachsen. Wir haben sie nicht importiert. Deshalb ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, diese Menschen zu therapieren. Jedoch trifft eine Gemeinde, die eine Forensik beheimatet, eine besondere Last, und das müssen wir als Behandelnde im Maßregelvollzug wertschätzen. Deshalb nehmen wir auch Rücksicht auf die Bewohner und ihre besondere Situation. Entlassene Patienten dürfen sich nicht im Umkreis dieser Klinik ansiedeln. Wir wollen keine Überforderung.
Dr. Wittmann, vielen Dank für das Gespräch.
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