Home

 

Licht am Ende eines langen Tunnels

Wie ein Forensik-Patient lernen kann,
ohne Gewalttätigkeit zu leben

Wenn Fritz T. (Name von der Redaktion geändert) über sein früheres Leben berichtet, ist viel von Aggressivität die Rede. Sie begleitete ihn von Kindesbeinen an. Er trug Konflikte in der Regel nicht friedlich aus. Wenn er etwas durchsetzen oder erreichen wollte, war oft Gewalt im Spiel. Der Weg auf die schiefe Bahn war dadurch vorgezeichnet. Mehrfach kam der heute 30-Jährige mit den Gesetzen in Konflikt, das erste Mal bereits mit zwölf Jahren. Körperverletzung, Diebstahl, Betrug, räuberische Erpressung – die Liste seiner Vergehen ist lang. Zuletzt kam noch Beschaffungskriminalität dazu, denn seit 1995 war er heroinabhängig. Damit wurde Fritz T. ein Fall für die Forensik. Seit Juli 2002 ist er Patient im Westfälischen Therapiezentrum Marsberg „Bilstein“, nachdem er zuvor 13 Monate in U-Haft gesessen hatte.

Angesichts der Persönlichkeitsstörung und seiner nicht unerheblichen kriminellen Energie bedürfe es einer längerfristigen Entwöhnungsbehandlung, heißt es in dem Urteil des Amtsgerichts Hamm vom 14. November 2001, das Fritz T. eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten einbrachte. „Diese Entwöhnungsbehandlung muss wegen seiner geringen Frustrationstoleranz und seines mangelnden Durchstehvermögens in einem straffen Raum stattfinden“, befanden die Richter und sprachen sich damit ausdrücklich für eine Therapie im Maßregelvollzug nach Paragraph 64 Strafgesetzbuch aus. Der Paragraph regelt, wie man mit straffällig gewordenen Suchtkranken umgeht – Menschen also, die in der Forensik-Klinik in Marsberg und später auch in Duisburg-Hohenbudberg untergebracht werden. Nach Auffassung des Gerichts besteht bei Fritz T. im Maßregelvollzug eine „konkrete Aussicht auf einen Behandlungserfolg“.

Fälle, wie der in diesem Artikel geschilderte, werden in Marsberg und in anderen vergleichbaren forensischen Einrichtungen mit einer breiten und vielschichtigen Palette von Maßnahmen behandelt. Einzel- und Gruppenpsychotherapien gehören ebenso dazu wie psychoedukative Therapiegruppen, Arbeitstherapie, Sport- und Bewegungstherapie sowie kreative Angebote und Bildungsmöglichkeiten. Jeder Tag hat eine feste Struktur.

Der Therapiebeginn gestaltete sich bei Fritz T. zunächst sehr schwierig, denn die Einsicht, dass mit ihm dringend etwas geschehen muss, war bei ihm erst einmal nicht vorhanden. „Ich hatte überhaupt keine Lust, mich zu ändern, denn ich hatte mich damit abgefunden, dass ich so bin“, beschreibt er im Gespräch mit Forensik aktuell seine damalige Haltung. Der Tod seiner Mutter führte dann zum Sinneswandel, denn sie hatte ihn immer wieder erfolglos zu therapeutischen Maßnahmen zu motivieren versucht.

Wichtiger Bestandteil der Therapie ist bei Fritz T. die Arbeit in der Holzwerkstatt. Hier wird Kinderspielzeug hergestellt.

Fritz T. im Gespräch mit seiner Therapeutin Dr. Dita Zimprichová

„Bei ihm ist – anders als bei vielen anderen Fällen – die Gewaltbereitschaft primär vorhanden gewesen, die Drogensucht und die damit verbundenen Delikte kamen später dazu“, erläutert Therapeutin Dr. Dita Zimprichová die Besonderheiten. „Es musste sehr viel bei ihm aufgearbeitet werden. Er hatte seine eigene Vorstellung über Normen des menschlichen Zusammenlebens. Ein Leben ohne Gewalt war für ihn nicht vorstellbar. Die Opfer waren ihm meistens egal. Das alles galt es bei der Therapie zu berücksichtigen.“
Die ersten eineinhalb Jahre seiner Forensik-Zeit war Fritz T. im so genannten inneren Bereich der Klinik untergebracht. Er ist besonders gesichert. Als eine Veränderung zum Positiven deutlich erkennbar wurde, wechselte er in eine Außenstation. Hier sind insgesamt elf Patienten sicher untergebracht. Die Therapie geht mit unverminderter Intensität weiter. Als Vorbereitung

auf das spätere Leben nimmt die Arbeit einen größeren Raum ein. Fritz T. ist in der Holzwerkstatt beschäftigt. Weitere Arbeitsmöglichkeiten bestehen im Metall-, Garten- und Küchenbereich. In der Holzwerkstatt entsteht überwiegend Kinderspielzeug. Kreativität und Qualität sind beachtlich. Die Produkte werden auf Basaren verkauft. Die Nachfrage ist groß.
Wenn Fritz T. seine bisherige Zeit Revue passieren lässt, so stellt er selbst eine enorme Entwicklung bei sich fest. „Ich hatte am Anfang sehr große Schwierigkeiten“, erinnert er sich.

„Die Veränderung fällt schwer, wenn man nichts anderes gelernt hat, als seine Dinge mit Gewalt durchzusetzen.“ Er habe sich deshalb auf das, was in Marsberg passieren sollte, zunächst nicht einlassen können. „Ich war misstrauisch und bin den Leuten lieber aus dem Weg gegangen.“ Zwei Klinik-Mitarbeiter lösten diese Sperre. Zu ihnen fasste er ein besonderes Vertrauen, das auch nach dem Umzug vom Innen- in den Außenbereich Bestand hatte. Von da an nahm seine Therapie den gewünschten Verlauf. Fritz T. ist selbstkritisch geworden, stellt seine früheren Verhaltensweisen infrage, kann sich zum Beispiel – was früher überhaupt nicht funktionierte – besser in andere Personen hineinversetzen. Seine Dominanz und sein Machtbewusstsein nahmen ab. „Sonst wollte er immer der Leitwolf in einer Gruppe sein, jetzt kann er sich zurücknehmen“, beschreibt Dr. Dita Zimprichová den Wandel. „Er sucht nach anderen Lösungsmöglichkeiten. Gewalt gehört offenbar nicht mehr dazu. In seiner Marsberger Zeit ist es nie zu irgendwelchen Vorfällen gekommen.“

Vier Patienten teilen sich auf der Station ein Zimmer

Keine Gleichgültigkeit mehr gegenüber den früheren Opfern

Fritz T. empfindet heute keine Gleichgültigkeit mehr gegenüber seinen früheren Opfern, wie er sagt. Es bereitet ihm Unbehagen, dass er bei vielen Menschen Angst ausgelöst hat. Es ist ihm bewusst, dass er Unrecht getan hat. Die grundsätzlichen Vorbehalte anderen gegenüber hätten abgenommen, er sei offener geworden, fügt er hinzu. Dazu hätten nicht zuletzt die Gruppen-Erfahrungen in der Klinik beigetragen. „Wir arbeiten hier mehr zusammen als gegeneinander.“

Lohn dieser therapeutischen Fortschritte ist ein behutsamer Lockerungsprozess. So bekam Fritz T. schon einige Male Ausgang, etwa für einen Kino-Besuch oder für ein Kaffeetrinken im Ort. Bei solchen Ausgängen ist aus Sicherheitsgründen stets ein Mitarbeiter dabei. Bisheriger Höhepunkt dieser vorsichtigen und allmählichen Resozialisierung war ein Besuch der Westfalen-Therme in Bad Lippspringe. An dieser selbst organisierten, ebenfalls von Klinik-Fachpersonal begleiteten „Gruppenaktivität“ nahmen mehrere Patienten der Station teil. „Es war schon eine ganze Weile her, dass ich das letzte Mal richtig draußen war, umso schöner war das Gefühl“, schwärmt der 30-Jährige. Plötzlich seien alle Probleme verschwunden gewesen, und er habe einfach nur er selbst sein dürfen. Fritz T.: „Das war eine ganz normale Begegnung mit dem Leben. So etwas kannte ich schon lange nicht mehr.“

Solche normalen Begegnungen sollen für ihn irgendwann wieder ganz zur Regel werden. Wichtige Voraussetzungen dafür sind nicht zuletzt Ausbildung und Beruf. Tischler oder Koch möchte er am liebsten werden. Entsprechende Umschulungsmöglichkeiten werden innerhalb der Therapie geklärt. Unter Umständen soll auch noch ein Realschulabschluss hinzukommen, einen Hauptschulabschluss hat er bereits in der Klinik nachgemacht. Die behandelnden Therapeuten sind zuversichtlich, dass die Forensik-Klinik für Fritz T. eine neue Perspektive schaffen wird. Dann könnte sich an die „kriminelle Karriere“, für die er mehr als ein Drittel seines bisherigen Lebens einsaß, endlich ein ganz normales Leben anschließen.